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Litauen 2025 Tag 11 und Epilog - 90,3km 307hm

Ist es schon 14:40 oder erst 13:40? Wo bin ich und in welcher Zeitzone befinde ich mich? 

Eins ist sicher: Ich bin auf dem Meer, auf der Ostsee. Malte und ich fahren zurück nach Kiel, die Fähre soll um 21:00 litauischer Zeit ankommen. Das ist gut, das heißt 20:00 deutscher Zeit. Wahrscheinlich sind wir schon wieder in deutscher Zeitzone, wir haben einige dänische Inseln passiert, jedoch ticken die Uhren hier auf litauisch. 

Auf unserem Rückweg haben wir die "große" Fähre, mit 500 Gästen. 


Das fühlt sich nicht mehr so familiär an wie auf dem Hinweg, jedoch kennen wir zumindest die Bikepacker. Wir alle, wir alle sieben, trafen uns gestern Nacht, irgendwann nach 21:00, am Fährterminal Nr. 4 und wurden dann von einem Follow-Me-Car auf die Fähre gebracht. Das hat Spaß gemacht, denn es war dunkel und schüttete. Irgendwie lustig. Der erste und einzige Regen auf unserer gesamten Radtour, nicht mal zehn Minuten würde ich sagen, aber es lohnte sich, die Regenklamotten anzuziehen, denn wie gesagt: es schüttete.

Wir stellten uns die letzten Fragen aus dem "Beste Freundinnen Quiz" und dann schliefen wir ein, immer mal wieder geweckt durch stärkeren Seegang. War aber nicht problematisch.

Die EU Flagge hängt hier überall mit dabei. Warum nicht bei uns?

 Zurück auf der Straße passierte genau das, was wir befürchtet hatten: Ein Deutscher Schäferhund war NICHT an der Kette, rannte auf uns zu und hielt auch nicht am Grundstücksrand. Also blieben wir stehen und als er Malte erreichte, wedelte er mit dem Schwanz und ließ sich überall streicheln. 

Dann kam er zu mir, beschnupperte auch alles nochmal und hätte ich mein Rad nicht ganz schnell nach vorne geschoben, hätte er es volle Kanne angepinkelt. So nicht, mein Lieber, so nicht! Er trabte von dannen und wir fuhren weiter.



Um halb zwölf kam die Sicherheitsdurchsage, die wir in unserer Doppelkabine mit Meerblick im Bett liegend hörten. 

Am Morgen zog es uns kurz vor neun zum Frühstück - auf der ersten Fähre gab es Frühstück um 8:30 - und als das Frühstücksbuffet um 9:00 eröffnet wurde, mussten wir nicht warten, im Gegensatz zu den anderen 498 Gästen, die nach uns eintrafen. Es war quasi unmöglich einen zweiten Kaffee zu holen, so nervig erschien uns die Schlange an den zwei Kaffeeautomaten. Malte holte sich dann einen Cappuccino in der Navigator's Bar. 

Der Vormittag verfloss im Bett lesend, später eine zeitlang an Deck zwischen Pfützen auf dem Boden sitzend und zum Mittag war nur kaum was am Mittagsbuffet los. Dinner haben wir nicht gebucht. 

Malte sitzt jetzt an Deck und liest und ich schreibe den letzten Blogeintrag zu unserer Litauenreise in der Navigator's Bar. Es gibt weitere Beobachtungen und Insights zu Litauen.


Die letzten zwei Tage unserer Reise führten uns durch einen nicht so touristischen Teil Litauens. Wir sahen keine Bikepacker und keine Reisebusse. Dafür Landwirtschaft, die beschriebenen Kettenhunde, Schotterpisten, die angenehmerweise am zweiten Tag durch den nächtlichen Regen weniger staubig waren - zum Glück hatten wir auch nur 8km davon - und dennoch bretterten auch mal LKW durch den Wald und Schotter. Wir fragen uns, was für Forstgeräte die Litauer hier benutzen, denn die Forstwege hatten halbe Meter tiefe Spurrillen.


Unsere Beobachtungen zum Verkehr in Litauen: 

Außerhalb von Ortschaften gibt es keine Radwege und wenn, dann sind sie sehr schlecht, wir haben sie alle gemieden. Städte haben richtig gute Radwege, zweispurig, ein Traum. Wenn es in Städten keine Radwege gibt, dann sind die Straßen auch so nebensächlich, dass es kaum Verkehr drauf gibt. Wir sind also die meiste Zeit auf der Straße gefahren, trugen Warnwesten und haben uns zu keiner Zeit unsicher gefühlt. Die Autos und LKW weichen weiträumig aus und fahren eher in den Gegenverkehr, als uns zu Nahe zu kommen. Etwas unheimlich war es einmal auf der 141, als uns auf der Gegenspur eine Kolonnne von Autos entgegenkam und zwei davon ausscherten, um die Kolonne zu überholen, direkt neben uns. Uns begegneten also zwei entgegenkommende Autos nebeneinander. Aber auch dort hielten sie Abstand zu uns und fuhren eher zu dicht neben die anderen Autos. 

Der Asphalt in den Städten hat eine Oberfläche, dass die Reifen beim normalen Kurve fahren quietschen.

Man hält an Zebrastreifen. Auch der Prollo-BMW hält und lässt uns rüber. 

Es gibt wenig Radfahrende und noch weniger EBikes. Die einzigen EBikes wurden von den Essenslieferdienstboten gefahren. 

Hauptstraßen können Schotterpisten sein, besonders in den eher nördlicheren Gebieten. 


Unser letztes Hotel in Silale lag im besagten nicht so touristischen Gebiet. Es war super, sah super aus und hatte ein sehr gutes Frühstück. Und eine sehr nette und attraktive Gastgeberin. Unsere Chance, ein paar Fragen zu stellen. Warum sehen wir eigentlich nur Frauen in Servicegewerben, wie Hotel, Restaurant, Post, Supermarkt? Sie musste ein wenig überlegen und meinte, dass es wahrscheinlich am Gehalt liegt. Die "Männerjobs" auf ähnlichem Niveau (Bauarbeiter, Handwerker usw.) werden besser bezahlt. Wir wollten noch den Gender-Pay-Gap von Litauen googlen, haben es bis jetzt aber vergessen. - Update: Litauen hat den größten Gender-Pay-Gap in der EU mit 23%, der EU Durchschnitt ist 13%, Deutschland ist aber nicht viel besser als Litauen mit 18%. - Litauen ist ein sehr junges Land, was noch einiges zu tun hat, auf dem Weg der Gleichberechtigung. Die Sowjetzeiten hängen noch dunkel nach. Und auch das ist wahrscheinlich der Grund für das Drinnen- und Draußengesicht. Die alten Sowjetzeiten und die alten/älteren Leute. Die jungen Leute, das haben wir auch gespürt, sind viel offener und freundlicher. Sie hat selbst einige Zeit im Ausland verbracht und erst als sie zurückgekommen ist, ist ihr aufgefallen, dass es in Litauen oft schwierig ist, im Supermarkt jemanden zu einem Lächeln zu bewegen, eine Verbindung herzustellen. Aber die Zeiten ändern sich, es gibt teilweise super schnelle Fortschritte, insbesondere in Vilnius und einige Menschen werden davon sicherlich abgehängt. Und genau diese Zeitenwende haben wir hier gespürt, wie schon einige Male beschrieben - zum Beispiel Architektenhaus neben windschiefer Holzhütte. Hier passiert was. Litauen geht, bei aller Probleme die sie noch haben, steil.

Und ich werde mithelfen, indem ich demnächst in alle Städte Müllpressen liefern lasse, die alle Raserautos und zu laute Motorräder direkt an Ort und Stelle zu Schrott pressen wird. Malte hat schon ein passendes Bild dafür gemalt: 

Litauen ist super, die Reise hat viel Spaß gemacht, eine große Empfehlung an alle und dazu super einfach von Kiel aus mit der Fähre erreichbar. 

Unser Radreiseziel für nächstes Jahr ist auch schon klar: Wieder mit der Fähre von Kiel nach Klaipeda und dann in den Norden, für eine Radreise durch Lettland. 


Vielen Dank fürs Lesen und wenn ihr unseren Blog regelmäßig gelesen habt, gebt doch gerne mal Rückmeldung. Wir würden sehr gerne wissen, wer unsere treuen Leser*innen sind. 

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